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Helden

Es gibt keine Helden im Krieg. Ich bin Sanitäter, ich weiß das.


Er hier. Er hat zwei Panzer geknackt und einen Truppentransporter.

Sein Kopf ist über die ganze Straße verteilt... kein Heldentod, keine letzten Worte. Er ging drauf, wie die, die er tötete. Nicht anders, kein bisschen heldenhafter.

Der Kamerad daneben. Unbekannt, wohl ein Neuling. Wollte den sowieso toten Freund in Deckung ziehen. Gleiche Todesart – muss wohl ein guter Schütze sein, da auf der anderen Seite.

Dahinter die Blutspur. Guter Freund, guter Mann. Zwei niedliche Kinder, eine liebliche Frau... die hat der Krieg schon gefressen gehabt, bevor er den Querschläger in den Bauch bekommen hat. Ich hab' ihn weg geschleift. War dabei nicht weniger unter Beschuss als jeder andere... nur offenbar glücklicher. Das Rote Kreuz am Arm bringt die eine Hälfte der Feinde dazu nicht zu schießen, die anderen tun's aber erstrecht. Was ist wohl ernüchternder, als den gleichen Feind zweimal niederstrecken zu müssen? Irgendwie kann ich's verstehen. Der Junge ist mir jedenfalls 'n paar Minuten später weggestorben. Das Morphium kam zu spät, grausamer Tod, aber die Ampulle, die mir ein anderer Soldat gegeben hatte, brachte wenigstens dem Spender kurz darauf einen schmerzlosen Tod. Glückstreffer durch die Deckung. Immerhin in der Situation war der Krieg gerecht: Der Mann, der selbstlos sein Morphium abgab, sollte dafür mit gleichem belohnt werden.

Aber da sieht man mal wieder: Auch Gerechtigkeit ändert nichts daran, dass er gestorben ist.

Die zwei Toten auf der Brücke wollten sie sprengen, um den immer weiter vorrückenden Feind aufzuhalten. Keine Chance. Kreuzfeuer, sie haben's nicht einmal bis zum ersten Pfeiler geschafft.

Die zwei dahinter... wollten ihre Kameraden bergen. Ich hab' ihnen zugeschrien, dass sie keine Chance haben und die zwei auf der Brücke schon tot sind und es also sinnlos ist. Sie liefen trotzdem.

Der Feind konnte also einfach auf die selbe Stelle schießen und bekam noch zwei von uns. Diesmal näher dran. Diesmal atmeten sie noch, flehten sie noch, schrien sie noch. Wenig Blutverlust aus der Entfernung zu erkennen. Bei denen zwei bestanden Chancen, ich rannte los.


Der Panzerknacker war kein Held. Mit jedem Abschuss hat er die Welt schlechter gemacht. Mit seinem Tod entging er wenigstens dem Grauen der Erinnerung, welches ihn in späteren Jahren heimsuchen würde.

Der unbekannte, versuchte Retter war nun ein unbekannter Toter, der nichts erreicht hatte.

Der mit dem Bauchschuss war tapfer, obwohl er schon alles verloren hatte, außer seinem Leben. Vielleicht war er deswegen tapfer. Aber tot ist er trotzdem.

Der Morphium-Spender. Hilfsbereit, ein guter Kamerad. Auch tot. Immerhin hat er einen sanften Tod bekommen, so sanft wie ich ihn als Mensch nach den drei Minuten unserer Bekanntschaft eingeschätzt hätte.

Die ersten zwei auf der Brücke. Helden für den Kommandostab und die Propaganda, hätten sie es geschafft. Haben sie aber nicht. Nun sind sie zwei Verrückte, die dem Feind sinnlos ins Feuer liefen und für ihre Dummheit zahlten.

Das zweite Paar auf der Brücke. Selbstlose Helfer. Helden für die Truppe, wenn sie es geschafft hätten... gescheitert und tot, wie alle anderen.

Und ich? Ich bin Sanitäter. Ich habe das eine oder andere Leben gerettet, habe so viele Leben enden sehen, bin durchs Kreuzfeuer gelaufen, um Kameraden zu retten – um Leben zu retten. Aber bin ich jetzt ein Held? Falls das hier einer überlebt, dann wird er sich vielleicht meiner Taten erinnern. Vielleicht werde ich für einen Menschen ein Held sein. Für einen anderen bin ich aber vielleicht nur der wahnsinnige Sanitäter, der in übertriebener Selbstlosigkeit sein Leben unnötig aufs Spiel setzte, um immer und immer wieder sowieso sterbende Kameraden zu bergen und zu versorgen. Für alle anderen werde ich niemand sein.

Ein Niemand, der zwischen zwei Niemanden auf der Brücke liegt.

Ich kann ihnen nicht helfen. Ich kann mir selbst nicht helfen.

Ich bin kein Held, ich bin Sanitäter.

Ich... war Sanitäter...

19.10.09 04:40
 


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