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Widerstand

Jap, ich lebe noch. 10 Monate Funkstille hier... ich hätte zwischenzeitlich ein Kind kriegen können... hab' ich aber nicht. >:]

Dafür hab' ich nun endlich die schwere Geburt einer neuen, blogtauglichen Kurzgeschichte hinter mir... hoffentlich stört das Blut und das Geschrei nicht... in meinen Augen ist das Kind in jedem Falle wunderschön. ;P

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Widerstand

 

Nun ist es so weit. Ich hatte mir die Situation immer anders vorgestellt, auch wenn es nicht der Pistolenlauf an meiner Schläfe ist, der meine Vorstellung durchkreuzt.

Ich bin Gabriel, jedenfalls heiße ich inzwischen so, Anführer einer Guerilla-Truppe. Es hat damals alles klein angefangen, mit Unmut gegen das Regime. Öffentlich verhielten wir uns unauffällig, in der Gruppe flammte der Widerstand jedoch groß... und forderte Handlung! Wir überlegten, was wir tun könnten, planten... wir formulierten einige Flugblätter, doch wir stellten uns offenbar schlecht an. Einer von uns wurde gefasst. Wie wir später von einem Informanten erfuhren hatte er selbst unter Folter und dem Angebot auf Freiheit behauptet Einzeltäter gewesen zu sein, bevor er hingerichtet wurde. Er hatte uns gerettet... und war das erste Opfer, das mir persönlich nahe ging.

Die anderen jedoch hatten schon weit persönlichere Opfer hinnehmen müssen. Michaela, wie sie jetzt heißt, hat ihre ganze Familie verloren, weil sie mit Rebellen kollaboriert haben sollen. Soweit wir wissen entkam sie der familiären Kollektivstrafe nur, indem sie ihre Richter absolut davon überzeugte, dass sie diese Handlungen nicht nur schlecht hieß, sondern sie und ihre Familie dafür verachtete, ohne mit der Wimper zu zucken oder eine Träne in den Augen zu haben, nachdem ihr von deren Tat erzählt wurde. Ich lernte sie erst später kennen, aber ich glaube zu der Zeit hatte sie das sogar aus absoluter Überzeugung gesagt und getan. Doch... so etwas bleibt nicht spurlos zurück, sie versteckte nie gut, dass sie sich und das Regime schlussendlich dafür hasste und ihren Selbsthass meist ebenfalls auf das Regime projizierte. Sie ist stets die Heißblütige von uns gewesen, ohne sie wären wir vielleicht nie so weit gegangen, zumindest ich nicht.

Meine Familie war wohlhabend und politisch angepasst, zwar nicht überzeugt, aber billigend mitlaufend. Sie hätten nicht im Geringsten verstanden, wieso ich tat, was ich schlussendlich tat, und hätte ich diesen Freundeskreis nicht gehabt, nicht miterlebt wie andere zu leiden hatten, wäre ich vermutlich nicht anders gewesen als der Rest meiner Familie. Ich war stets der Logische unter uns, vielleicht der Menschliche. Ich hatte keine emotionale Beziehung zu dem Fall, 'nur' eine ideologisch-idealistische.

Wir hatten uns anfangs zwar nicht geschworen, aber als klare Regel gefasst nur Material als Ziel zu haben und Mensch, wenn überhaupt, dann nur als notwendiges Opfer zu bringen. Es begann minimal. Wir überfielen kleine Patrouillen, maskiert, im Hinterhalt und möglichst ohne irgendeinen Hinweis auf unsere Identität. Es klappte und wir erbeuteten nach und nach eine Menge Ausrüstung. So viel, dass wir uns bald daran wagten, einen ganzen LKW mit Ausrüstung zu klauen. Bis dahin hatte sich noch nie jemand gewehrt, unsere Taktik ging jedesmal auf: Schnell da sein und sofort dominierende Präsenz zeigen. Kaum einer wehrt sich, wenn die Ausgangssituation in einem darauf folgenden Kampf ist, dass drei von vier Kameraden einen Gewehrlauf am Kopf haben und ein maskierter Fremder mit einer entsicherten Handgranate neben den transportierten Munitionskisten steht. Unsere Gefangenen fesselten und knebelten wir, inklusive Augenbinde, dann ließen wir sie liegen... jedenfalls war das Anfangs der Fall.

Später, als unsere Gruppe wuchs, unsere Organisation professioneller, unsere Ausbildung besser und unser Selbstbewusstsein größer wurde, da gingen wir dazu über, unsere Gefangenen zu verwunden, so dass sie zwar wieder genesen würden, aber lang genug im Hospital liegen würden, um sich die ganze Sache durch den Kopf gehen zu lassen, inklusive der geringen Chance, dass sie durch die Verwundung vielleicht sogar aus dem Militär ausscheiden würden oder leichter austreten könnten.

Zu der Zeit überfielen wir ganze Konvois. Teilweise bis zu zehn Fahrzeuge, sogar einmal mit einem Panzer, aber der war lediglich von einem Fahrer besetzt. Wir blieben in Bewegung, schlugen zu, wo niemand es erwartete, blieben getarnt. Manchmal verkleideten sich unsere Frauen wie Männer, manchmal verkleideten sich unsere Männer wie Frauen, wir färbten Haare, variierten Frisuren, klauten Pässe und Papiere, fälschten welche, alles sehr erfolgreich. Keiner ist uns je auf die Spur gekommen und nur selten wehrte sich einer und selbst wenn, wurde noch seltener jemand getötet. Aber es kam natürlich vor, auf beiden Seiten.

Damit hatte es vermutlich begonnen. Einer hatte sich mal gewehrt, hatte zwei von uns erschossen, eine schwer verletzt. Ich entwaffnete ihn, fesselte und knebelte ihn... und ließ ihn liegen, während ich die anderen davon abhielt, ihn zu erschießen. Alle in der Truppe hatten in ihrem früheren Leben schon Verluste hinnehmen müssen, Väter, Mütter, Lebensgefährten, Kinder, Tanten, Freunde, ... nur ich nicht. Jetzt holte sie dieses Leben wieder ein, der Verlust holte sie ein... und auch die Rachegelüste kamen wieder. Die, die sie erst in unsere Truppe getrieben hatten. Allerdings war damals, als sie dann zum ersten 'Einsatz' mitkamen, der Pegel meistens wieder unten, die Konzentration darauf, die Sache ordentlich durch zu ziehen und unentdeckt wieder davon zu kommen. In dem beschriebenen Moment, kürzlich, waren sie jedoch mittendrin, als sie die Rachegelüste überkamen. Nachträglich verspürten sie die Chance alles besser zu machen. Jetzt hatten sie die Gelegenheit, die sie damals nicht hatten, jetzt hatten sie eine Waffe, einen Finger am Abzug, als ein Familienmitglied erschossen wurde, jetzt könnten sie reagieren, aber ich ließ sie nicht. Später rügte ich Michaela, weil sie sieben Soldaten erschossen hatte, die sich ergeben hatten. Sie behauptete anfangs, sie hätte nicht gesehen gehabt, dass sie kapituliert hatten, wenig später gab sie aber zu, dass es Absicht gewesen war... dass es ihr Spaß gemacht hatte und sie es bald wieder tun würde, ich widersprach.

Es kochte sich zusammen, eines kam zum anderen... nun knie ich hier, im Büro eines Geheimpolizisten, neben mir hält mir einer meiner engsten Waffenbrüder eine Pistole an den Kopf.

Wir wollen ihn als Doppelagenten einschleusen, aber dafür... wollen die einen Beweis haben. Ich bin der Beweis. Der Waffenbruder liefert seinen Anführer aus, das ist ein großer Vertrauensbeweis, zumal im Vorlauf dieser Aktion gezielt Falschinformationen ausgegeben wurden, dass die Organisation zum größten Teil auf den Schultern des vermeintlichen Anführers steht... auf meinen.

Nun sitze ich hier... hin und her gerissen. Soll ich wirklich so abtreten, soll das Gemetzel, das da kommt mit meinem Namen in Verbindung gebracht werden? Ist es das wert, meine Hinterlassenschaft mit so viel Blut zu beflecken? Kann ich meine Waffenbrüder verraten, den Doppelagenten auffliegen lassen, die Zukunft der Organisation, meiner Freunde, aufs Spiel setzen?

'Du bist einer von uns? Dann erschieß' ihn.'

Mein Mund öffnet sich, formt ein Wort, die Sicherung der Waffe klickt, als sie gelöst wird.

2.9.10 07:24
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Valeska (ja, ich les deinen Bl (15.12.10 15:26)
Herzlichen Glübkwunsch zur Geburt! Es ist ein Prachtexemplar!

Wow, dass es dich noch gibt... war schon davon ausgegangen, dass es dich ins Nirvana des interkontinentalen Netzvakuums verschlagen hätte.

Verschwinde jetzt nicht wieder dorthin.

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